Türkei

Türkiye abi

Großer fremder Bruder. Du siehst anders aus, du lebst anders, du isst anders, du fühlst dich anders an. Alleine das Wort Türkei lässt kaum einen vorbehaltlos urteilen. In Deutschland hat sich ein Bild eingebrannt: Wohnungen, die sonst keiner will, aber davor aufgemotzte Familienkarren deutscher Premiumhersteller. Schnurrbärte, Kopftücher und die Ausprache „sch“, wenn „ch“ gemeint ist. Eine fremde Kultur im eigenen Land, in dem sich beide Seiten fremd bleiben. Eine tendenzielle Abneigung, die auf Gegenseitigkeit beruht. „Nein, ich bin kein Rassist, aber“ -…. viele Sätze beginnen so. Türken, die nach 30 Jahren in Deutschland kaum Deutsch sprechen. Deutsche, die die Türkei immer noch für ein anatolisches Bergdorf halten. Man hat sich eingerichtet in seiner engen Denke.

Dabei ist die Türkei, also die echte Türkei zwischen Mittel- und Schwarzmeer, so ganz anders als die Türkei Berlins, Hamburgs, Stuttgarts, etc. – sie lässt dich staunend zurück. Die Gastfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft in Türkiye beschämt den reisenden Deutschen. Leben und leben lassen, die Türkei lässt jedem Menschen Raum. Der Grad zwischen staatlicher Kontrolle, Überwachung und Schutz ist fließend, aber genauso fließend ist die Auslegung der Grautöne dazwischen. Rote Ampeln, durchgezogene Linien, Einbahnstraßen, rechts überholen – in Deutschland Todsünden, in der Türkei eine grobe Richtlinie, an die sich kaum einer hält. Aus 3 Fahrbahnen werden 4 oder 5. Ein chaotischer Lebensraum, der frei macht. Er lässt Raum für Interpretation.

Die heimliche Hauptstadt ist Istanbul. Ein 15-Millionen Betondschungel, aber mit Bosporus und Goldenem Horn vor der Nase lässt es sich atmen. Der Blick auf Meer beruhigt den hektischen Großstadtwahnsinn. New York war mal die Stadt, die niemals schlief. Heute ist das Istanbul. Die einzige Stadt der Welt, die sich über 2 Kontinente erstreckt. Die Verbindung zwischen Asien und Europa. Eine fließende Grenze der Kontinente.

Das alte Istanbul ist auf der europäischen Seite, das Moderne auf der Asiatischen. Pendlerfähren und die unterirdische Marmaray schaufeln Millionen Istanbuler nonstop hin und her. Die Gegensätze der Welten machen Istanbul so inspirierend. Alte Traditionen und Lebensformen, vor allem auch gedanklich, prallen auf den obszönen Westen. Kopftuch trifft Minirock. Seximus trifft Feminismus. Es brodelt unter der Oberfläche. Istanbul ist immer auf Sendung. Rund um die Uhr, 7 Tage die Woche pulsiert das Leben.  Laut und dreckig, und doch ein schillernder Rohdiamant.

Ganz anders ist die Zentrale der Macht. Ankara ist Business. Sauber, geordnet, modern aber eben auch ein bisschen langweilig. Es fehlen die Ecken und Kanten eines Diamanten. Hier schlägt das Herz des Regimes. Kameraüberwachung überall. Polizei an jeder Ecke. Man traut sich kaum laut zu atmen, geschweige denn ein Foto zu machen. Hier zeigt der Apparat, wer im Hause das Sagen hat. Der Babo, und zwar nur der Babo.

Die Türkei funktioniert streng hierarchisch. Moderne, flache Arbeitsstrukturen sind nicht mal Utopie, es gibt sie nicht. Der Respekt gegenüber dem Abi oder dem Höhergestellten ist verpflichtend. Selbst wenn der Vorgesetzte kein A von einem B unterscheiden kann, die Ansagen werden befolgt. Alles andere gilt als respektlos und wird nicht geduldet. Als Außenstehender ist das extrem verstörend, aber so ist es eben. Überhaupt hat der soziale Status mehr Gewicht als alles andere. Ein Jurist ist Jurist, und damit hat diese Person qua Beruf immer recht. Selbst wenn dieser Jurist noch nie gearbeitet, noch nie einen Fall gewonnen oder sonstige berufliche Erfahrung hat, er ist Jurist und damit Respekstperson. Das Leistungsprinzip der Türkei ist ein Prinzip der Privilegierten. Was die „freie“ Markt- und Vetternwirtschaft des Westes fördert, ist in der Türkei der Standard. Interessanterweise machen sich Nationen wie die Türkei, dann noch zusätzlich selber das Leben schwer, in dem sie meinen mit Bürokratie das Monster im Zaum zu halten. Und was passiert? Genau das Gegenteil.

Die türkische Bürokratie ist der Albtraum. Undurchsichtig, umständlich, behäbig und geradezu grotesk ineffizient. Wer dachte Deutschlands Bräsigkeit in Kommunalbüros sei legendär, wird nach dem Vergleich mit der Türkei feststellen müssen: dagegen ist das teutonische Beamtentum ein Quell der Inspiration:  modern, schnell und ultra-effizient.

Uralte Röhrenbildschirme, Telefon-Modems die aussehen wie aus dem 19. Jahrhundert. Chaos und heilloses Durcheinander, keiner spricht Englisch, keiner hilft dir, jeder schickt dich einfach immer nur woanders hin. Es führt den Gast an seine psychischen Grenzen der Belastbarkeit. Es hat etwas von Falling Down mit Michael Douglas. Man würde am liebsten einfach nur ausrasten.

Privatsphäre oder Datenschutz? Was ist das?! Jeder fotografiert zur Sicherheit nochmal den Pass, die Kreditkarte, den Führerschein, egal was es ist. Meine Passdaten hat vermutlich die gesamte Türkei auf dem Handy, ein ehr beruhigendes Gefühl.

Auf der Post, der Bank oder dem Amt werden Nummern gezogen. Oder verteilt, je nachdem. Dann ist man an der Reihe, aber es hält sich kein Mensch an irgendwas. Es wird zwischenrein gefragt, unterbrochen, etc. Es macht einen wahnsinnig. Distanzlos und völlig gleichgültig. Wer nicht die Ellbogen ausfährt, macht bei PTT, Bank oder auf dem Amt keinen Stich. Wenn du die Lücke siehst, grätsche rein. Hier herrscht keine Hierarchie, sondern Anarchie. Jeder Absolvent eines Meditationskurses sollte sich einmal dem Stresstest der türkischen Bürokratie unterziehen, erst dann hätte ein Abschlussdiplom Gravität, denn nur wer hier ohne Nervenzusammenbruch lächelnd rauskommt, hat seine wahre, innere Mitte gefunden.

Besser man lässt dieses riesige Land die Seele beruhigen, denn es hat einfach alles. Die Great Ocean Road von Bodrum bis Alanya ist ein einziger Genuss. Enge Kurven entlang des Mittelmeeres, die Brise sanft, der Blick unendlich und die Straßen leer. Einsame Strände, kristallklares Wasser und fangfrischer Fisch auf dem Tisch. Alleine schon die Fahrt entlang der Küste ist der ganze Urlaub.

California Dreaming oder auf Türkisch: Mersin. Mersin ist ein endloser Boardwalk. Es ist überhaupt keine schöne Stadt, aber Palmen, Meer und immer mildes Klima machen Mersin schön. Und der Weg ist nicht weit zu einer Welt, die man überhaupt nicht verstehen kann. Eine Mondlandschaft, Hotels in Höhlen: Kappadokien. Eine Zauberwelt, es ist eine Art Puppenspiel. Aus der Zeit gefallen, aber beeindruckend.

Jetzt könnte man sagen, das alles reicht um der Türkei das Prädikat „extrem reizvoll“ zu verleihen. Hätte das Land nicht noch mehr zu bieten. Das mediterrane Flair der Ägäis, hat auch noch die wilde, schroffe Gewalt des Schwarzmeeres. Weniger touristisch, weil eben ungezähmter und kühler. Die Städte sind weniger bekannt und deutlich kleiner. Eine andere Welt in derselben Nation, und was die Wenigsten auf dem Schirm haben. Im Winter wird hier Ski gefahren. Bolu, das kulinarische Herz der Türkei hat eines von 3 Skigebieten. Klein, aber fein. Auf einmal ist Abi gar nicht mehr so fremd, sondern sehr vertraut.

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