Tiflis

GeORGIEen, was frivol klingt, entpuppt sich als eigentlich sehr westlich. Erstaunlich westlich sogar. Es ist eines dieser aufgeräumten Ziele, welches sich vermutlich eher polyglotte Traveller raussuchen, die London, Paris, Athen schon längst „Auf Nimmer-Wiedersehen“ gesagt haben.

Georgien versprüht einen Hauch Exotik garantiert aber absolute Sicherheit. Die Ankunft am Airport Tbilissi ist direkt schon das erste Highlight. Bei der Passkontrolle bekommt der Gast, neben dem Stempel, als „Geschenk des Präsidenten“ eine Flasche Rotwein vom Zollbeamten überreicht.

Man hat schon viel erlebt, aber bei der Einreise erstmal mit Alkohol versorgt zu werden, ist irgendwie schräg. Generalstabsmäßig organisiert  zudem der Taxi Service vom Flughafen in die Stadt. Man wird am Gepäckband abgepasst, und quasi dem Kollegen nach dem Zoll übergeben, der an den Fahrer übergibt. Je nach Zone, in welche man möchte, sind die Preise festgelegt. Die Taxi Fahrer tragen Westen mit „Airport Taxi“ Aufschriften, damit ja auch keiner auf die Idee kommen könnte, man würde hier übers Ohr gehauen.

Auf einer hervorragend, überraschend breiten Straße geht es dann schnörkellos nach Tiflis. Auch entbehrt es nicht einer gewissen Komik, dass die Straße George W. Bush Street heißt. Eine der größten und modernsten Straßen Georgiens ist nach dem ehemaligen Präsidenten der USA benannt.

In 2005 war Walker erstmals in Georgien und hat sich im Konflikt mit Väterchen Russland 2008 auf die georgische Seite gestellt, was Georgien die Unabhängigkeit bewahrt hat, aber auch einen harten Gegner: Russland.

So geht es vorbei an den typisch lieblosen Wohnsilos, die aussehen wie überdimensionierte Legebatterien, in denen jede Wohnung identisch ist. Bei all der Geradlinigkeit der Gebäude und der George W. Bush Street, kommt wieder das Komische am Schluss. Mit einer doppelten Haarnadelkurve endet die bolzgerade Bush Allee  und man ist direkt im Zentrum von Tiflis.

Das alte Tiflis ist alles andere als gerade. Alles ist schief, massiv Einsturz-gefährdet oder beides.  Kopfsteinpflaster und baufällige Backsteinhäuser neben Bretterbuden, das alte Tiflis ist eine in die Jahre gekommene Puppenstube. Aber Tiflis soll das neue Berlin sein. Es wird sehr viel gebaut und gentrifiziert. Super-Styler Hotels und/oder Bars wie das Stamba machen Tiflis zum neuen Hotspot.

Eigentlich ist Tiflis weder besonders modisch, noch besonders schön, noch besonders spannend. Es hat aber eine gewisse Künstleraura, etwas Unberechenbares, was es interessant macht. Wie Berlin eben. Nur hat Tiflis nicht diese Schnodderigkeit, Georgier sind sensationell herzlich und gastfreundlich.

Gastfreundlich bzw. lustig auch die Schrift. Georgisch sieht aus wie Thailändisch. Viele runde Buchstaben, die zusammen eher wie ein Bilderrätsel mit halbfertigen Kreisen aussehen. Mchedruli – das georgische Alphabet! Aber der freundliche Georgier setzt unter jedes Schild immer gleich die Übersetzung auf Englisch. Der ausgestreckte Mittelfinger für Väterchen Russland! In your face, sozusagen.

Apropos, Gesicht. Georgische Nasen. Das Land der Super-Nasen. Breit, dick und knubbelig – genauso wie Man(n) oder Frau sie heutzutage NICHT haben möchte. Eine Klinik für Nasen-OPs wäre the money business in Georgien. Wer es sich eben leisten kann, denn so billig wie vermutet ist Georgien nicht.

Man hat sehr wohl verstanden, dass der Tourist Geld in der Tasche hat, welches er gefälligst auszugeben hat. Für die Gondelfahrt über die Altstadt, das Dümpeln auf der Kura oder an einem der viel zu vielen Touristenständen in der Altstadt.

Ein Umstand, den man wohl mit der westlichen Vermarktung in Kauf nehmen muss. The show must go on! Dabei sind es die Eigenarten, die andere Länder oder Städte hervorstechen lassen. Auf den Flohmärkten bietet man nicht nur Nippes, sondern gleich die ganze Wohnung zum Verkauf an. Man sollte also genügend Cash auf Tasche haben, möchte man sich im Vorbeigehen eine georgische Immobilie zulegen.

Im eher beschaulichen Tiflis sind die Rolltreppen der Metros ein Highspeed Erlebnis aus dem letzten Jahrhundert. Menschen mit Höhenangst oder Respekt vor hoher Geschwindigkeit bitte Finger weg lassen.

Die Rolltreppen zur Metro haben Kirmes-Charakter. Sie rumpeln noch über Rollen. Dazu sind sie sehr steil und noch länger.  Nicht wenige setzen sich auf die großen, bequem aussehenden Stufen, denn die Fahrt in die Tiefe kann locker eine Minute dauern. Das Ganze rollt in einer Geschwindigkeit, die dir die Frisur trocken föhnt. Wer stoppt verliert, nichts für Fußkranke beim Einstieg auf die schnellste, steilste Gerade der Welt.

Aber kommen wir nochmal auf die Schrägheit Georgiens zurück. Ist es Absicht, ist es Humor oder ist es einfach so und amüsiert den Gast? Diese Fragen werden sich nicht abschließend beantworten lassen. Georgien hat Rechtsverkehr, d.h. das Lenkrad links. Da aber japanische Importautos deutlich billiger sind, und in Japan Linksverkehr herrscht, fahren 30% der Georgier mit dem Lenkrad auf der „falschen“ Seite. Scheint aber niemanden wirklich zu stören. Ist nur eine Gewohnheitssache.

Gewohnheits- oder Geschmacksache ist auch die neue Architektur. In Altes Neues zu bauen hat sich inzwischen rumgesprochen. Man bewahrt die alte Identität, verpackt diese aber in den heutigen Lifestyle, das was man dann als Industrial Chic bezeichnet, kommt heraus. Aber es gibt auch die geschmacklichen Fehlgriffe, das ist nichts per se Georgisches, das gibt es überall. Nur in Tiflis fällt es sofort ins Auge. Die neue Friedensbrücke sieht aus wie eine gestrandete Glasmuschel. Grotesk. Noch bescheuerter – das Parlament im Rike Park. Man könnte natürlich sagen, wenigstens ist man im Meeresthema geblieben. Zwei halbe Krakententakeln, gestrandet am Ufer der Kura. Eine GeOrgie fürs Auge.

Guadeloupe

Plage La Caravelle

Einfach mal nichts tun. Nichts denken, nichts reden, nichts müssen. Analog offline, der Tag zieht geräusch-und planlos vorbei. Die Dystopie des Alltags, das ist die generelle Vorstellung von karibischem Lifestyle. Easy living, alles sunshine. Als Gast empfindet man dieses Paradies als solches, aber wer auf einer Insel lebt, der weiß, dass das Paradies auf Erden gleichzeitig auch die Hölle sein kann.

Guadeloupe ist eine malerische Hölle. Und wirklich nur für diejenigen gemacht, die im oder am Wasser leben möchten. Gwada, wie die Locals sagen, ist unglaublich unaufgeregt und sehr, sehr ruhig. Es passiert einfach nichts und es gibt nichts Nennenswertes zu sehen.

Vielleicht ist das der Grund, warum es die Porte d’enfer gleich zweimal gibt. Imposant wegen der Felsen und ihrer Tiefe bekommt man einen Blick auf Guadeloupe anstatt immer nur von der Insel zu blicken. Es ist wie „The Beach“ und jeden Moment müsste Leonardo di Caprio aus dem Dickicht hasten. Er kommt aber nicht, typisch Gwada. Einfach nichts los.

Le Bananier – der einzige Beachbreak

Guadeloupe ist ein Surfer Paradies. Surf, eat, sleep. Und wieder von vorne. Das ist der tägliche Wahnsinn im Paradies. Das Paradies in Form eines Schmetterlings. Aus der Luft betrachtet ist Guadeloupe ein Schmetterling, gelandet im warmen Wasser der Karibik. Die beiden Flügel heißen Grande-Terre und Basse-Terre, und sie könnten nicht unterschiedlicher sein.

Grande-Terre ist aus der Werbung. Weiße Sandstrände, schroffe Felsen. Hier lungert man auf Lounge Chairs am Beach rum, lässt sich Drinks reichen und „kühlt“ sich hin und wieder in der 28 Grad warmen Badewanne ab. Die Surfspots reihen sich die Küste entlang, hier trifft der Atlantik ungebremst auf die Karibik. Reine Sandstrände sind allerdings selten, Außenriffe schützen die Lagunen, oder machen den Einstieg ins Meer mit unter zum Tetris für Fortgeschrittene. Sonst gibt es Seeigel-Akupunktur oder Korallenriff-Peeling frei Haus.

Basse-Terre ist spektakulär anders. Grün mit schwarzen Sandstränden. Die Fahrt von Basse-Terre Stadt zu Pointe-Noire ist eine unfassbare schöne „Small Ocean Road“. Kurvig wie eine permanente Berg-und Talbahn. Kleine Buchten, Ankerplätze und versteckte Strände ziehen abwechselnd im Durchfahren vorbei. Es wirkt noch eine Spur weniger touristisch als Grande-Terre, wobei der Begriff nachhaltiger Tourismus für Guadeloupe generell noch Gültigkeit besitzt.

Wem beim Abhängen am Strand irgendwann die Füße einschlafen, der könnte sich an einer der wenigen Attraktionen von Guadeloupe versuchen. Die Wasserfälle Chutes du Carbet im Nationalpark von Basse-Terre bieten Bewegung. Beim Treppensteigen durch einen feucht- grünen Vorhang kommt man zu verschiedenen Wasserfällen. Allerdings ist der Weg zum  Première Chute ein knackiger 3 h Roundtrip und eher Typ Wanderstiefel. Die Flip Flop- Variante ist der Deuxième Chute, welcher über Holzstege in 20 min. erreichbar ist.

Trotz direkter Flugverbindungen nach Paris, ist Guadeloupe kein klassisch überranntes Ziel. Der Verkehr fließt mehr oder weniger gleichmäßig, die Insel kommt quasi ohne Ampeln aus. Man lässt sich gegenseitig höflich vor und schwimmt gelassen mit. Ausnahmen bestätigen die Regel, denn die Rushhour im Pointe-à-Pitre ist schon großstadtmäßig. Eigentlich eigenartig, den P-à-P hat – wie ganz Guadeloupe- kein wirkliches Highlight. Im Gegenteil, es hat was von kommunistischem Brutalismus.

Herzlose Wohnsilos, dazwischen Fußballkäfige, Abfälle und Tristesse. Aber die Wärme der Karibik, sich wiegende Palmen und das richtige Licht holen aus einem grauen Betonkasten etwas mehr raus. Wie farbige Clownfische im Riff nisten kleine Geschäfte in den Blöcken, bunte Graffitis und Wandmalereien lenken ab vom humorlosen Bau. Die Hölle auf Erden oder Paradies? Oft nur eine Frage von Dekoration und Präsentation.

Der zentrale Platz von P-à-P, der „Place de la Victoire“ ist ein übergroßer Salatteller mit verlottertem Park und vielen im Leben Gestrauchelten. Von sieg-oder glorreich kann hier keine Rede sein.  Arbeitslosigkeit ist weit verbreitet, eine Quote von 30% macht Guadeloupe zur 3. Welt, und trotzdem herrscht nur sehr wenig bis gar keine Kriminalität. Viele Locals schließen nicht mal ihre Autos ab. Wo soll man mit einem geklauten Fahrzeug auf einer Insel auch schon hin?

90% der Guadeloupois sind Mulatten, nur 5% sind weiß. Der Rest sind Chinesen, Libanesen und Inder. Am sichtbarsten sind die knapp 40.000 Inder mit ihren Tempeln, die sich auf der Insel zaghaft verteilen. Natürlich ist Guadeloupe auf Touristen angewiesen, denn mit Bananen- und Rumexporten wird aus Gwada auch in Zukunft kein Monaco werden.

Indischer Tempel, Petit-Bourg

Bleibt zu hoffen, dass die Kreuzfahrer den Schmetterling künftig nicht mit ihren Massen fluten. Dann wird nämlich aus dem Paradies in jedem Fall die Hölle. Dann wäre das Offline Leben im schläfrigen Guadeloupe für immer vorbei.

Basel

Bekannt durch die Art Basel und Roger Federer. Internationale Kunst und eleganter Sport. Das passt. Es ist eine erstaunlich ruhige Stadt. Es gibt keine hupenden Autos, kein Geschrei. Es geht schweizerisch entspannt zu, respektvoll und gemütlich.

Der Basler Wickelfisch ist das prägende Accessoire im Stadtbild, ein wasserdichter Beutel, der im Wasser wie eine Stoffboje aussieht. Basel hat seine hauseigene „Mit-dem-Strom“-Anlage und weil der junge Rhein hier eine brutal hohe Wasserqualität hat, treiben im Sommer hunderte Basler & Touristen mit ihren bunten Wickelfischen durchs Wasser. Groß-Basel zur linken,  Klein-Basel zur rechten treibt eine schwimmende Karawane an der  Stadtkulisse vorbei. Öko-Sightseeing made in Basel.

Eine Stadtrundfahrt ohne Anstrengung. Gratis noch dazu. Man steigt vor dem Tinguely-Museen ein und und 3 Brücken später bei der Dreirosenbrücke wieder aus. Duscht, zieht die trockene Klamotte aus dem Wickelfisch an und „uff wiedaluage“.

Die Vibes der Stadt sind mega-locker. Überall springt jemand in den Rhein oder sonnt sich am Ufer. Nichts ist schmuddelig, alles penibel sauber. Es gibt sogar spezielle Mülleimer für Grillkohlereste. Man könnte vom Boden essen und aus dem Rhein trinken. Am Ufer kreisen Spliffs. Es ist ein unerwartet hedonistischer Lifestyle.

In der Spalenvorstadt mit ihren Puppenhäusern liegt ein Designerladen, neben dem nächsten. Wir reden hier aber nicht von Gucci, Prada, Schickmicki, nein es hat diesen Touch skandinavisches Öko-design. Viel Holz, wenig Plastik. Weniger ist mehr, schwyzerisch naturverbunden.

So sieht Bio in der Realität aus.  Holzfähren pendeln zwischen den Ufern. Angetrieben nur von der Strömung, hängen sie an einem Seil welches über den Rhein gespannt ist. Wie Fisch am Angelhaken, zieht es die Holzboote mit Passagieren wie Treibholz quer rüber.

Das internationale Flair hat die drittgrößte Stadt der Schweiz durch seine Lage am Dreiländereck. 3 Einflüsse. Frankreich, Schweiz, Deutschland. Das zieht Touristen und Grenzhopper aus Europa an. Das denkwürdige an Basel sind die Diskrepanz zwischen Puppenstube und Futuristik.  

Omnipräsent der Roche-Turm, ein 178 m Zacken aus der Hand des Architekturbüros Herzog & de Meuron. Die 2 Basler sind Avantgarde. Pekings Vogelnest, Münchens Allianz Arena, Hamburgs Elbphilharmonie, Architekten Herzog & de Meuron.  Die Jungs haben sich ihre Stadt gebaut, wie sie ihnen gefällt. Als wäre das nicht genug, das Design gleich in die Welt exportiert.

Basel ist typisch für das Understatement der Schwyz. Man tritt niemandem auf die Füße, hält sich neutral und fliegt unter dem Radar. Weder Fisch, noch Fleisch. Klima-neutral und vegan. Aber man sieht der Stadt ihre Finanzkraft an.  Hier leben sehr, sehr viele in der gehobenen Mittelschicht, dem Prekariat der Schweiz. Den Bentley in der Garage, aber mit dem Designer-Velo durch die Stadt. In dem Punkt sind alle Basler gleich. In Badehose sowieso.

Frankreich

Normandie, ist ein traurig-schöner Name, der verniedlicht was sich auf wenigen Kilometern Strand 1944 abgespielt hat. Operation Overlord. Die Allierten ziehen endlich den Schlussstrich unter NS-Deutschland und machen ernst.  Nicht nur „Norman died“ hier, es sind genauso viele Werner, Günther und Horsts gewesen.

Die Landungen, besonders bei Omaha Beach, machen diesen zum Schlachthaus. Es wird wenig gekämpft, aber viel gestorben. Hunderttausende sind hier an diesen Stränden verheizt worden. Für ein freies Europa, ein Europa der verschiedenen Kulturen. Wir sollten sehr dankbar sein, und niemals vergessen, dass unser Wohlstand unter anderem hier begraben liegt.  70 Jahre Frieden bezahlt von 19- und 20 Jährigen.  Auf beiden Seiten.

Cherbourg-en-Contentin ist eine triste Stadt. Sie wirkt seltsam derangiert, geradezu plan-und wahllos wirken manche Bauten mitten rein gesetzt. Die Geschichte erklärt es teilweise. Ziel der Alliierten war 1944 der Tiefsee Hafen von Cherbourg, hier sollte der Nachschub anlanden. Nazi-Deutschland hat Cherbourg geopfert und verstümmelt, bevor es die Alliierten übernehmen konnten. Nach der Übernahme war Cherbourg kurzeitig wichtigster Hafen der Welt. Noch vor New York.

Das kleine Cherbourg hat sich nie wirklich erholt. Ohne das permanent meckernde Geschrei der Möwen, eine leidenschaftslose Stadt, die nicht sehr einladend wirkt. Ganz anders dagegen, die Strände. Wild und natürlich. Zu viele, zu lang, zu weitläufig um je voll zu werden.

Jedes Haus mit Meerblick, der Wind pfeift und das Meer wütet. Morgens Sonne, mittags Regen, abends Sturm. 3 Jahreszeiten an einem Tag, willkommen in der Normandie. Man hat eher den Eindruck in England zu sein, mittelalterliche Steinhäuser ducken sich in grünen Wiesen. Es fehlt nur noch King Arthur, der jeden Moment um die Ecke zu reiten scheint und übrigens, in der Normandie begraben liegt. Ein Brite, der weiß wo es sich aushalten lässt.

Eine Eigenart der normannischen Strände ist der enorme Unterschied zwischen Ebbe und Flut. Das kann, gefühlt, einen Kilometer an Weg ausmachen, und so schnell gehen, dass manche Fische förmlich bei ablaufendem Wasser kurzzeitig über Sand „in der Luft“ stehen.  Es geht ein knackiger Wind, der Atlantik ist erschreckend kalt,  und die Farbe des Sandes hat mehr Grau-als Gelbtöne. Alles in allem ist es unterkühlte Jever Land Romantik, die glücklich macht. Die Natur macht ihr Ding und der Mensch schaut ihr dabei zu.

Das britische Schmuddel-Wetter bekommen die Normannen frei Haus über den Ärmelkanal gepustet, und in der Küche haben sie sich anscheinend davon inspirieren lassen. Die Küche ist eher britisch hemdsärmelig, als französisch fein. Viel Burger, wenig Champagner.  Nur die Preise sind fürstlich de luxe.

Der Franzose an sich neigt gerne zur Ignoranz. La Grand Nation ist zwar schon lange passé, aber noch nicht bei jedem voll umfänglich angekommen. Letztlich dominieren auch in Frankreich inzwischen Fast Food Restaurants und asiatische Imbisse. Natürlich wird das kein Franzose jemals zugeben. La baguette, le fromage et le bon vin rouge sind aber schon lange keine Grundnahrungsmittel mehr.

Treu bleibt sich der Franzose nur, was das Auto angeht. Gerne französisches Modell, klein und definitiv verbeult. Es gibt keine Fahrzeuge ohne Delle. Und wenn es doch eines schadenfrei überlebt hat, fehlt mindestens eine Radkappe. Das Auto, als das was es ist. Ein Gegenstand, der BE-nutzt wird und sich AB-nutzt.  Status? Zero!

Es könnte aber auch sein, dass es dem Franzosen einfach zu teuer ist. Bei Preisen, die nochmal 40% über dem deutschen Niveau liegen, tankt es sich nicht milde lächelnd. Das französische savoir-vivre ist längst ein savoir-survivre. Frankreich ist teuer. Nicht ohne Grund haben die Franzosen Weltmarktführerschaft im Streiken.

Gestreikt wird eigentlich immer. Die Bahn, die Maut, der Flughafen, die Tankstellen, das Wetter, Mc Donalds – es gibt nichts, was den Franzosen nicht aufregt. Das Leben spielt sich in ein paar Metropolen ab. Paris, Marseille, Lyon. Die dünn besiedelten Landstriche dazwischen werden nur von den unrhythmischen Péage Haltestellen der Autobahnen unterbrochen. Gäbe es diese nicht, man könnte mit Tempomat 120 km/h ungebremst durchs ganze Land zuckeln.

Frankreich ist Bildungsreise. Eine unglaublich stolze Nation, mit großer Geschichte. Höhen und Dramen. Nicht nur die Normandie wurde gestürmt, auch die Bastille. Das Ende des Absolutismus 1792. Liberté, egalité et fraternité. Frankreich hat sich seine Freiheit wirklich erkämpft, um 200 Jahre später in Selbstgefälligkeit stecken zu bleiben.

Vive la France! La Normandie a aussi survécu.

Frankfurt

Frankfurt hing viele Jahre an der Nadel.  Abgehalftert und fertig. Das Bahnhofsviertel dominiert von Junkies. Frankfurter Applaus klatschte aus den Hauseingängen, beißender Pisse-Geruch stand in der Luft, verlebte Stricher mit leerem Blick lungerten auf den Straßen rum. FFM stand für: Fixer, Ficken & Moneten. Der Business Distrikt mit seinen High-Risern eine verspiegelte, tote Hülle. Täglich 260.000 Business-Pendler. Morgens rein in den Glasturm, abends raus, nachts die schmuddelige Parallelwelt.

Selbst der Frankfurter Flughafen ist lange Zeit nur eines der größten Drehkreuze unserer Welt. Eine Stadt wie ein Durchgangsbahnhof. Hin, noch schneller weiter oder im Sumpf verenden. Frankfurt kannte jeder, aber wirklich hin wollte keiner.  

Gestern war gestern und heute ist heute. Streng genommen ist Frankfurt rückblickend eine Aschenputtel Story. Aus dem verwahrlosten FFM ist eine erwachsene Stadt geworden. Eine Stadt, die es in der Form kein weiteres Mal in Deutschland gibt. Die Skyline der Banktürme hat FFM ein unverwechselbares Antlitz geschenkt. Es fehlt zwar der Glamour Münchens, das Herz Kölns und das Hipstertum Berlins, aber FFM hat sich in seinen Stadtteilen ohne Vorbilder entwickelt.

Im Frankfurter Ostend feiert sich eine eigene Bohème. Die stillgelegten Gleise entlang des Mains, sind heute Skatepark, Chill-out Area und moderner Lebensraum. Nur in einem bleibt sich Frankfurt treu. Alles passiert im Schatten eines Turms. Die EZB wacht über das urbane Frankfurt zu seinen Füßen. Und auf der gegenüberliegenden Seite glotzt das bürgerliche Sachsenhausen auf das bunte, hippe Leben des Osten.

Frankfurt hat noch immer die Härte einer Großstadt. Die krassen Gegensätze, nur im Ostend ist der Charme der alten Fabrikhallen Kunst und Lifestyle. In den Hauseingängen riecht es eher nach dem hippen Thai Take-Away von der Ecke, als nach den unangenehmen Ausdünstungen der Menschen.

Frankfurt ist nicht besonders schön und es ist nicht besonders hässlich. Es ist irgendwo dazwischen. Auf einer Punkte-Skala von 1 bis 10, quasi eine unscheinbare 5. Es ist ein Reiseziel, welches nur echte Globetrotter wahrnehmen. Lasst Venedig an der Kreuzfahrerei ertrinken, Dubrovnik von Touristen fluten, Barcelona, Paris, Lissabon an Touristenständen ersticken. Echte Traveller haben diese Ziele längst abgehakt. Es gilt  die Städte, der 2. Und 3. Liga zu erleben. Frankfurt zum Beispiel.

Wasser tut jeder Stadt gut. In Frankfurt ist es der Main. Viele Brücken, darunter der Eiserne Stieg, öffnen immer wieder den Horizont. Der Blick aufs Wasser beruhigt der zur Skyline fasziniert. Das sind die kleinen Aha-Erlebnisse der Bankenmetropole.

Die wahren, offensichtlichen Schätze übersieht man schnell, oder man muss sie ein bisschen suchen. Die altehrwürdige Markthalle. Klein und eng war sie schon immer, aber im 70ger Jahre Outfit stehen zu bleiben, macht sie heute attraktiv. FFM ist zudem eine junge Stadt, und schon lange keine „Furt der Franken“ mehr. International, business-affin und offen.  Expats hüllen den Straßenslang ins Englische.  „Fränkfort“ ist jung und cool.  Mehr veganer Smoothie, als benutzte Nadel. Ein erfolgreicher, kalter Entzug hat Frankfurt zu dem gemacht was es heute ist. Eine veritable Großstadt.

Leipzig

„Wer die Farben der Demokratie links liegen lässt, tritt rechts in die braune Scheiße.“

In Dresden marschiert Pegida, Görlitz wählt AFD und Chemnitz hetzt Ausländer– leider sind es oft braun gefärbte Schlagzeilen, die dem Osten ein Bad Boy Image verpassen, welches so nicht zutrifft. Die liberalste Stadt ist Leipzig. Leipzig hat Dresden in vielerlei Hinsicht überholt. Leipzig ist Berlin light. Sexy, aber nicht arm. Im Gegenteil. Leipzig boomt. DHL, Porsche, BMW, potente Arbeitgeber treiben die Gentrifizierung der Stadt voran.

Eine Großstadt mit Kleinstadtcharakter. Die alten Fassaden werden nach und nach restauriert. Heruntergekommene Schönheit, die wieder Eleganz versprüht. Echte Schönheit kann eben nichts entstellen, auch nicht die Jahre kommunistischer Trostlosigkeit.

Typisch Osten sind die Straßen mehr Alleen. Breit mit sehr viel Platz für Strampe, Fahrrad, Fußgänger und Auto. Ein Luxus, den sich jeder Städteplaner eng bebauter Städte wünschen würde. Hier braucht es vermutlich kein Planfeststellungsverfahren, um nach langen Diskussionen zu beschließen, eine extra Fahrradspur einzuführen. Es ist eh Platz, also machen. Leipzig radelt. Das Velo ist heute ohnehin mehr Status- und Lifestyle Symbol der Hippster als irgendein Auto.

„Leipzsch“ ist Old School. Alte Straßenbahnen, altes Kopfsteinpflaster, alte Kulissen. Es ist wie mit der Mode. Wenn was mal wieder modern wird, hat man es schon. Leipzig ist genauso. Das Alte ist bereits wieder cool. Es macht unangepasst. Es sticht heraus. Es ist einfach schön.

Das junge Leipzig radelt durchs kompakte Zentrum um im Barfuss-Gässchen auf einen Drink zu stoppen und am Augustus Platz macht die Rooftop-Bar des Felix den Blick in der Tat „feliz“, also glücklich. Danach noch schnell an einen der 9! Badeseen, und es war mal wieder ein perfekter Sommertag in Leipzig.

Rooftop Felix, sunset

Die Leipziger sind sehr offene, herzliche Menschen. Man redet miteinander. Das klingt zwar „immor ein büsschen sö“, ist aber total sympathisch. Der versaute Westen mit seiner konsum-orientierten Ellbogengesellschaft hat Menschlichkeit längst im Turbokapitalismus versenkt. Der Osten ist hilfsbereiter. Deutlich hilfsbereiter. Du willst dich selbst verwirklichen? Mach es hier! Die Stadt hilft dir dabei. Nicht grundlos zählt Leipzig zu den beliebtesten Großstädten Deutschlands. Leipzickig sind bei 575.000 Einwohnern nur die Ausnahmen.

Die Stadt macht aus der Moderne keinen Big Deal. Neben alten klassischen Gebäuden werden neue Dinger einfach hingestellt. Passt das ins Stadtbild? Nein, aber ist das relevant? Nein. Wer sagt schon, dass das immer zusammenpassen muss. Dresden hinkt, Leipzig springt. Der Dynamo stottert in Liga 2. RB Leipzig spielt Champions League. Man hatte keine Angst vor Investoren, neuem Image, neuen Wege und wenn man Erfolg als Indikator nimmt, hat RB alles richtig gemacht.

Eine der Top Sehenswürdigkeiten in Leipzig ist das Völkerschlachtdenkmal. So brutal sich das Denkmal anhört, so brutal ist auch die Geschichte dazu. Das irre Gemetzel aus dem Jahre 1813 mit 600.000 beteiligten Soldaten, zählt zu den größten Schlachten der Weltgeschichte. Es steht wuchtig in der Landschaft und die Spiegelung des Gebäudes im “See der Tränen um die gefallenen Soldaten” macht es noch imposanter.

Korfu

Korfu Festung

Die Farbe des Wassers ist schon fast unverschämt. Türkis bis tiefblau, dazu der Kontrast zum hellen Stein der Stadt Korfu. Brüllende Hitze zum eiskalten Meer. Ein berauschender Cocktail der Natur. Die Qualität von Wasser sieht man ja bekanntlich nicht, aber wer hier nicht in Versuchung kommt, sich ins Ionische Meer zu stürzen dem ist nicht zu helfen.

Jede Möglichkeit wird genutzt, um sich kurz abzukühlen. Vermutlich würde man sich nirgendwo so bedenkenlos in einer Stadt mit all den Booten und Fähren mal kurz von der Promenade ins Meer stürzen. Auf Korfu ist es Teil des Lifestyles.

Ja, Korfu ist kein Geheimtipp. Und nein, die UNESCO gekürte, verwinkelte Innenstadt mit einem Labyrinth aus Bars, Bistros und Souvenir Shops ist zur Hauptsaison vermutlich nicht mehr zu ertragen,  aber unter all dem Tand der Touristen und der Patina des antiken Steins, sieht man griechische Schönheit.

Griechenland hat sich seine Nationalflagge wirklich verdient. Weiße Streifen, dazwischen nichts als blau. Weiße Stadt, blauer Himmel, blaues Meer. Mit einem Stich Türkis und sattem Grün. Die grüne Insel Korfu verdankt ihren Farbendreiklang Weiß-Blau-Grün auch den Olivenhainen. Im gebirgigen Inland stehen Olivenbäume in einer Dichte wie in Deutschland nur Verkehrsschilder.

Blick von Pelekas

Die Olivenhaine gehen allerdings auf die Venezianer zurück, die ab dem 14.Jahrhundert mal kurze 400 Jahre hier das Sagen hatten. Dann waren sie wieder weg, die Oliven sind geblieben und heute Exportschlager der Insel. Die Korfioten sind ohnehin ein sehr entspanntes Völkchen.

Als Gast wird man immer und überall herzlich begrüßt. Unaufdringlich in Small Talk verwickelt, um dann zu warten. Auf die Karte, das Essen, das Getränk, die Rechnung, alles dauert immer 5 min. länger als anderswo. Das ist nicht weiter schlimm, es kommt immer just in dem Augenblick, in dem man denkt: jetzt ist aber echt mal gut.

Korfus Straßen werden außerhalb der Stadt schnell zu besseren Feldwegen. Es schlängelt sich ein bröckelndes Band durch die Grünheit der Oliven. Eigentlich müsste der Asphalt schmilzen, denn die Hitze steht geradezu über dem Boden. Trotz aller touristischen Züge, die sich immer nur auf bestimmte neuralgische Punkte konzentrieren, wirkt die Insel verwahrlost und manchmal wie unbewohnt.

Glyfada Beach

Baufällige Ruinen, Müllberge, streunende Hunde – dazwischen der bekannte Mix aus nichts außer Natur, also Olivenbäumen. Ein Haken von Korfu ist der Mangel an echten Sandstränden. Steile Klippen, kleine versteckte Buchten, oft nur mit Boot erreichbar – einer der wenigen zugänglichen Sandstrände ist Glyfada Beach. Glorious? Wohl eher nada! Auf dem recht langen Strand verteilt sich das Publikum großzügig, aber richtig geil ist was anderes.

Ca. 20 km nördlich an der Westküste kommt Paleokastritsa, ein Kieselstrand mit einem Strandbar/ Restaurant, welches Ibiza style hat. Man lümmelt am Strand oder Pool ab, ordert Drinks, sanfter Chill-out perlt aus den Boxen und das Leben ist easy. Da die Bucht sehr eng ist, und Parkplätze kaum vorhanden, bleibt der Spot auch irgendwie exklusiv, weil Gerda und Harald mit ihrem TUI Reisebus hier gar nicht erst hinkommen.

So hängt eine eher junges und jung-gebliebenes Publikum auf den Lounge chairs ab und kühlt sich hin und wieder ab, um nicht das Hirn komplett frittiert mit nach Hause zu nehmen.

Kaisers Thron, Pelekas

Pelekas gilt als der Kaisers Thron, welcher auch zu sehen und zu besteigen ist. Er ist das Dach von Korfu. Blick nach Osten bis rüber nach Albanien, im Westen türkis-farbige Endlosigkeit bis der feuerrote Ball scheinbar hinter die kitschige Kulisse geschoben wird. Die Sonnenuntergänge sind majestätisch.

Der Name „Korfu“ klingt schon nach Urlaub, und das trifft es auch. Hieße die Insel „Anstrengend-ios“ man hätte es für einen Witz gehalten. Nicht umsonst ist in den Steilküsten und kurvigen Straßen schon Roger Moore als James Bond „in tödlicher Mission“ unterwegs gewesen. Das ist zwar fast 40 Jahre her, und trotzdem kann man sich vorstellen, dass die Insel vor 4 Jahrzehnten genauso aussah. Es ist nicht alles vom Tourismus niedergewalzt, sondern herrlich korfiotisch unaufgeregt.

Schweden

Göteborg

Man denkt an Bullerbü, und bekommt es. Schweden ist mehr als nur Stockholm oder Göteborg. Schweden ist landschaftliche Weite, Unberührtheit und Monotonie. Je karger das Land, desto eintöniger wird es. Das empfindet man entweder als schön, oder als öde.

Im fast ewigen Eis stehen versprengte rote Holzhäuser. Pipi Langstrumpf Romantik, dazwischen lichte Baumlandschaften unterbrochen von bolzgeraden Straßen. Der Verkehr ist mäßig. Da es unmöglich wäre all diese kilometerlangen Straßen durchs schwedische Outback zu beleuchten, setzen die Einheimischen die Extra-Watt auf jede Stoßstange. Ohne die eigene Flutlicht-Anlage fährt keiner durch die stockdunklen, schwedischen Nächte.

Es sagen sich nicht mal Hase und Igel „Gute Nacht“, man bekommt Schwindel von der absoluten Stille der Natur. Wenn der Kontinent bereits Frühlingsgefühle bekommt, gähnt im Norden noch keine Knospe nach langem Winterschlaf. Seen, Flüsse, Straßen –die Natur ist wie in weiße Watte gepackt, eine Landschaft im Dauer-Freeze. Foto-Kulisse und Postkartenkitsch.

Im Norden bei Älvsbyn fährt man mit dem Ski-doo durch die verschneite Landschaft, Reifen haben Spikes und jeder Schwede eine Steckdose vor der Haustür. Nachts wird der Wagen vor der Haustüre eingesteckt und elektrisch warm gehalten, um morgens nicht schockgefrostet am Lenkrad festzukleben. Die lokale Infrastruktur für E-Mobilität von der alle Autobauer neuerdings schwadronieren, hier ist sie schon da. Vermutlich würden Lithium-Ionen Batterien Antriebe, aber bei -40 Grad ganz andere Probleme bekommen.

Älvsbyn, Hauptstrasse

Älvsbyn hat was von einem verlassenen Wild-West Städtchen. Bestenfalls. In der Realität ist es ein trauriges Nest mit trostloser Einkaufsstraße und 4 ausladenden Schnellimbissen. Überhaupt, das Essen. Man denkt an Wasa, Knäckebrot und frischen Fisch, aber die meisten Schweden scheinen sich von Mikrowellen-Essen zu ernähren. Auch Vegetarier bekommen in diesen Breiten echte Schwierigkeiten, da es deftig wird. Renntier-Gulasch ist der Hit.

Keine Hektik, kein Stress, aber kalte Füße. Im Winter ist der Norden Schwedens ein idealer Stress-Blocker. Frostbeulen finden hier kaum wärmende Worte. Die Menschen sind freundlich und hilfsbereit, wie eigentlich überall dort, wo wenig Mensch auf viel Natur trifft. Man hält zusammen, um zu überleben. Der mentale Detox also für genervte Ellenbogen-raus-Großstädter, um mal den Fuß vom Gas zu nehmen. Die Disziplin im Umgang mit der digitalen Welt muss jeder Gast selber an den Tag legen, denn Schweden ist sehr fortschrittlich und großzügig, was die Wifi Verbindungen angeht – die sind immer und überall vorhanden.

In vielen Ranglisten, die Innovationskraft messen liegt Schweden sehr weit vorne. Das Land hat eine Technologie-Geschichte, Gründer schreiben die aktuelle fort. Auf ca. 1.000 Beschäftigte kommen in Schweden 20 Start-ups. Zum Vergleich, in den USA sind es gerade mal 5. So gesehen gibt es in Stockholm, mehr „Unicorns“ als im legendären Silicon Valley– Start-ups mit einer Bewertung von mind. 1 Milliarde US-Dollar. Der Kauf von PCs ist steuerlich begünstigt, plus das Land hat von Beginn an massiv in seine digitale Infrastruktur investiert. Industrie 4.0 ist in Schweden keine Vision, sondern in der Mache. Man hat die Zeichen früh erkannt, und sofort aufs richtige Pferdchen gesetzt.

Fortschritt bedeutet aber nicht immer gleich einen Schritt nach vorne. Wer ohne Kreditkarte nach Schweden reist, wird sich nach diesem kleinen Stück Plastik sehnen. Bezahlt wird oft mit Karte, sehr oft sogar wird kein Bargeld akzeptiert. Kein Land für Verschwörungstheoretiker, denn Pipi Langstrumpf bevorzugt VISA oder Mastercard. Bullerbü, schön verpackt, aber der digitale Fußabdruck bleibt in Schweden omnipräsent, ob man das will, oder nicht.

Im kuscheligen Flughafen von Lulea ist alles eins. Ankunfts-, Abflug-, Mietwagenhalle. Typisch skandinavisch, alles offen, alles modern – trotz tiefster Provinz. Das Städtchen vom Bottnischen Meerbusen ist eher ernüchternd. Im langen Winter stellt die Stadt kostenlos Eis-Schlitten zur Verfügung, dazu eine gespurte Bahn auf gefrorener See, die Luft kalt und klar. So stellt man sich den schwedischen Winter vor. Da sind die Renntier-Kalorien schnell wieder verbrannt.

Lulea Hafenpromenade

Bekanntheit hat Lulea dank Ken Block erlangt.  Gymkhana Drift King, der hier seine PS-Potenz übers Eis geprügelt hat. Einmal viel Lärm, danach wieder Dornröschenschlaf. Das passt zum Gesamteindruck von Schweden. Modern, offen und sehr weltgewandt wirkt es oft bräsig und behäbig, ist es aber nicht. Schweden ist in der Zukunft schon lange angekommen, das Wasa-Land Image ist nur der Hebel der Tourismus Branche.

Kolumbien

Bogotá, Kolumbien – wie in eine grüne Arena gebettet

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Bogotá. Ein Name wie ein hingerotztes Wort. Ein Moloch, der sich nicht mehr bewegen kann. Man steht sich im Verkehr zu seinem Ziel. Trotz „Pica Placa“ – dem kolumbianischen Fahrverbot, aber nicht wegen der Abgase, nein. Viel mehr bedeutet Pica Placa – ein Fahrverbot für bestimmte Kennzeichen an bestimmten Tagen. Wir haben Dieselskandale und Fahrverbote 2018/19 – Kolumbien hatte das schon vor 15 Jahren. Wer ist hier also 3. Welt?!! Der tägliche Verkehrsinfarkt ist trotzdem nicht zu umgehen. Nur die Reichen können sich ein Auto leisten, wegen Pica Placa hat man davon gerne zwei oder drei, um das Verbot ganz entspannt zu umgehen. Der Rest sind Collectivos, Taxen und Busse, die Bogotá verstopfen.

Das Klima ganzjährig mild. Weder heiß noch kalt. Irgendwie im Mittelfeld feststeckend. Ein Land, welches alles andere als Mittelmaß ist. Bunt, südamerikanisch chaotisch, herzlich. Kolumbien hatte lange Jahre das Image eines verruchten Rotlichtviertels. Eine gefährliche Faszination, die sich heute in Netflix Dokus über den berühmtesten Kolumbianer aller Zeiten nährt. Pablo Escobar. Der Inbegriff eines Drogenbarons, der ein ganzes Land geschaltet hat, nach seinem Gusto.

Der Robin Hood Medellins ist heute Folklore, wie Ché Guevara bei den Kubanern. Die Amis haben die Kennedys. Die Deutschen Boris Becker. Argentinien Diego Maradonna. Helden, die immer Tragik mitbringen. Der unfassbare Erfolg, der Aufstieg in den Olymp. Göttergleich, geliebt, verehrt, gehasst. Ein Leben auf schmalstem Grad, weil Größenwahn, Genie und Einzigartigkeit verführerisch sind.

Alle Helden erleben bitterste Niederlagen. Beruflich und/oder privat. Grandioser Reichtum, grandioses Scheitern, Tragik durch Unfall, Mord oder Tod. Nimmt man Kolumbien ist diese ganze Spannbreite vereint in einer ganzen Nation.

In den 90ern waren Bombenanschlage Daily Business in Downtown Bogotá. Heute trauen sich Touristen in diese grandiose Arena, in der Bogotá liegt. Ein Moloch mit erstaunlich moderatem Klima, denn Bogotá kennt keine Jahreszeiten. Dabei hat dieses Land eine unvergleichbare Amplitude der Gegensätze. Karibik, Pazifik, Dschungel, Metropolen, südamerikanische Leichtigkeit und Verrücktheit. Der Europäer würde, ganz Technokrat, Kolumbien als unkonventionell bezeichnen. Locombia ist aber mehr als das, es ist bunt und verrückt.  

Kolumbien hat alles und manchmal auch ein bisschen mehr. Da findet man schon mal ein Gramm Koks auf der Rückbank des Taxis. Nachts bleibt keiner an roten Ampeln stehen und wenn einem nachts ein Auto folgt, gibt man einfach Gas. Das ist das Kolumbien für den kurzen Adrenalinkick.

Love Hotels am Stadtrand von Bogotá

Wer sich eine Kolumbianerin anlacht, der wird auch lernen, was ein Stundenhotel ist. Im offiziell sehr katholischen Kolumbien, kann die Tochter den Novio nicht einfach so mit nach Hause bringen. Also geht es in eines der vielen Love Hotels am Stadtrand. Diskretion ist das oberste Gebot. Stoßstange an Stoßstange steht man am Gate und wartet bis der Pförtner das Tor öffnet, per Sprechanlage bestellt man Zimmer, Ausstattung und Anzahl der Stunden. Der Pförtner weist den Weg zu einer Garage und schließt dieser hinter den Love birds diskret. Innen geht man dann direkt in seine gebuchte Suite mit Jakuzzi oder was auch immer. Zusätzliche Kondome gibt es per Menükarte, genauso wie den Zimmerservice fürs Essen, wenn man dies wünscht. Eine faszinierende Angelegenheit, man muss nur den Partner mitbringen, der Rest ist einzig und allein fürs große Ganze reserviert.

Heute sind Busfahrten in Kolumbien kein Problem mehr. Vor 15 Jahren hat es Gegenden in Kolumbien gegeben, die man als Gringo vermeiden sollte. Man ist eingestiegen, alle Vorhänge zu und Vollgas. Eine Straßenblockade hätte das Filzen des Busses bedeutet. Darin ein Gringo, das hätte oft schlechte Noticias bedeutet : plata o plomo. Geld oder Blei. Entspanntes Busfahren war das damals nicht.

Die Karibik ist ein Traum. Gerade in Kolumbien. Einsame Buchten, kristallklares Wasser, der Local der Dir den fangfrischen Fisch am Strand grillt. The living is easy and the sun is always shining. Cartagena hat sich in den letzten Jahren zu einem Hotspot entwickelt. Bunte Chivas schaukeln durch die Gassen.

Insgesamt muss man sagen, Kolumbien hatte viele Jahrzehnte den Ruf eines abgehalfterten Bahnhofsviertels. Sicherlich war es das auch lange Zeit, aber Locombia ist eine Offenbarung für jeden Gast. Landschaftlich eine Wucht, Menschlich eine Bombe und Gesellschaftlich eine einzige Fiesta. Te quiero un montón, Locombia.

Finnland

Eisblaue Augen, strohblonde Haare und Outdoor Mentalität – das sind die gängigsten Attribute Finnlands. Und sie stimmen. Eines der nördlichsten Länder der Welt, das klingt schon nach sehr kalt, kein Wunder ist es eines der am dünnsten besiedelten Länder Europas. Wer friert schon gerne? Gerade mal 16 Einwohner pro km² (zum Vergleich: Deutschland quetscht 231 Einwohnern auf den km²) machen das deutlich. Eng wird es selten, aber der Kuschelig-Faktor ist hoch.

Helsinki hat die Größe von Stuttgart, mit rund 600.000 Einwohnern. Wären die Finnen nicht notorische Schweiger, man könnte glauben hier kennt sich jeder. Alles ist in einem Radius von ca. 40 Minuten Fußweg in Helsinki zu erreichen. Einmal vom einen Ende der Stadt zum Anderen. Per Bahn sind die 3 Fixpunkte Flughafen-Innenstadt-Meer in 30 Minuten erreicht. Das steht doch mal für eine sehr gesunde Lebensqualität und ausgewogene Work-Life Balance.

Helsinki ist sehr energetisch, unprätentiös und herrlich unedel. Man fühlt sich sofort wie zu Hause. Im Gegensatz zu seinen skandinavischen Nachbarn Schweden und Norwegen ist Finnland ein bisschen anders gestrickt. Finnisch hat gegenüber der landläufigen Meinung keinerlei Berührungspunkte mit den nordeuropäischen Sprachen, sondern eher mit Ungarisch und Russisch. Das Englisch-Niveau ist oft auch nicht ganz auf diesem unfassbar hohen seiner Nachbarn.

Die Reserviertheit und Ausdrucklosigkeit in den Gesichtern der Finnen kann schnell mit Ablehnung verwechselt werden, das ist es aber nicht. Das Lächeln eines Finnen wäre bei einem Mitteleuropäer bereits ein schallendes Lachen. Der Finne genügt sich selber.

Helsinki -Skyline

Seine Schwarzwald-Romantik hat Finnland in Porvoo. Was dem Schwarzwald die Kuckucksuhr ist dem Finnen das historische Porvoo, ganz in der Nähe von Helsinki. Rote Holzhäuschen, welche ursprünglich Lagerhäuser des ehemaligen Handelszentrums waren, stehen wie eine schiefe Filmkulisse am Fluss. Heute sind diese Holzhäuser bewohnt. Eine begehbare Puppenstube, alles ist schief und wirkt von Wind und Wetter gebogen. Klar, das hat Charme und zieht bei Touristen. Auch hier sind es wie im Schwarzwald vor allem Asiaten, die von der kopfsteingepflasterten Putzigkeit fasziniert sind.

Porvoo – das rote Künstlerstädtchen

Viele finnische Künstler, denen Helsinki zu „hektisch“ geworden ist, haben sich in Porvoo angesiedelt um dem Gras beim Wachsen zu zusehen. Viel los ist nämlich nicht gerade in der zweitältesten Stadt Finnlands. Das kleine Porvoo hat zudem 2 Gesichter. Puppenstube und Bausünden der 50ger Jahre. Nach dem WWII war Wohnraum knapp, das alte Porvoo wurde erhalten, aber um den Kern herum wurde schnell und humorlos gebaut. Das sorgt für einen starken Kontrast. Rot ist zwar die Farbe der Stadt und beider Stadtteile, aber der Bruch im Gesamtbild ist unübersehbar.

Selbst einer der bekanntesten Finnen, Kimi Räkkönen hat in der Nähe sein Wochenendhäuschen mit Sauna und Zugang zur See. Wer den Iceman in seiner Heimat erlebt, versteht diese stoische Ruhe und Unaufgeregtheit der Finnen. Unerschütterlich, geradlinig und sehr direkt. Die Welt könnte untergehen Kimi, der Finne würde seelenruhig den Gang der Dinge hinnehmen.

Wer in Finnland lebt, weiß dass die Natur über uns richtet und nicht andersherum. Die Stille der Landschaft macht den Besucher ebenfalls leise. Man wird zum Beobachter. Es ist eine Reise zu sich selbst, dieses unberührte Finnland. Eine natürliche, raue Schönheit.