Schweden

Göteborg

Man denkt an Bullerbü, und bekommt es. Schweden ist mehr als nur Stockholm oder Göteborg. Schweden ist landschaftliche Weite, Unberührtheit und Monotonie. Je karger das Land, desto eintöniger wird es. Das empfindet man entweder als schön, oder als öde.

Im fast ewigen Eis stehen versprengte rote Holzhäuser. Pipi Langstrumpf Romantik, dazwischen lichte Baumlandschaften unterbrochen von bolzgeraden Straßen. Der Verkehr ist mäßig. Da es unmöglich wäre all diese kilometerlangen Straßen durchs schwedische Outback zu beleuchten, setzen die Einheimischen die Extra-Watt auf jede Stoßstange. Ohne die eigene Flutlicht-Anlage fährt keiner durch die stockdunklen, schwedischen Nächte.

Es sagen sich nicht mal Hase und Igel „Gute Nacht“, man bekommt Schwindel von der absoluten Stille der Natur. Wenn der Kontinent bereits Frühlingsgefühle bekommt, gähnt im Norden noch keine Knospe nach langem Winterschlaf. Seen, Flüsse, Straßen –die Natur ist wie in weiße Watte gepackt, eine Landschaft im Dauer-Freeze. Foto-Kulisse und Postkartenkitsch.

Im Norden bei Älvsbyn fährt man mit dem Ski-doo durch die verschneite Landschaft, Reifen haben Spikes und jeder Schwede eine Steckdose vor der Haustür. Nachts wird der Wagen vor der Haustüre eingesteckt und elektrisch warm gehalten, um morgens nicht schockgefrostet am Lenkrad festzukleben. Die lokale Infrastruktur für E-Mobilität von der alle Autobauer neuerdings schwadronieren, hier ist sie schon da. Vermutlich würden Lithium-Ionen Batterien Antriebe, aber bei -40 Grad ganz andere Probleme bekommen.

Älvsbyn, Hauptstrasse

Älvsbyn hat was von einem verlassenen Wild-West Städtchen. Bestenfalls. In der Realität ist es ein trauriges Nest mit trostloser Einkaufsstraße und 4 ausladenden Schnellimbissen. Überhaupt, das Essen. Man denkt an Wasa, Knäckebrot und frischen Fisch, aber die meisten Schweden scheinen sich von Mikrowellen-Essen zu ernähren. Auch Vegetarier bekommen in diesen Breiten echte Schwierigkeiten, da es deftig wird. Renntier-Gulasch ist der Hit.

Keine Hektik, kein Stress, aber kalte Füße. Im Winter ist der Norden Schwedens ein idealer Stress-Blocker. Frostbeulen finden hier kaum wärmende Worte. Die Menschen sind freundlich und hilfsbereit, wie eigentlich überall dort, wo wenig Mensch auf viel Natur trifft. Man hält zusammen, um zu überleben. Der mentale Detox also für genervte Ellenbogen-raus-Großstädter, um mal den Fuß vom Gas zu nehmen. Die Disziplin im Umgang mit der digitalen Welt muss jeder Gast selber an den Tag legen, denn Schweden ist sehr fortschrittlich und großzügig, was die Wifi Verbindungen angeht – die sind immer und überall vorhanden.

In vielen Ranglisten, die Innovationskraft messen liegt Schweden sehr weit vorne. Das Land hat eine Technologie-Geschichte, Gründer schreiben die aktuelle fort. Auf ca. 1.000 Beschäftigte kommen in Schweden 20 Start-ups. Zum Vergleich, in den USA sind es gerade mal 5. So gesehen gibt es in Stockholm, mehr „Unicorns“ als im legendären Silicon Valley– Start-ups mit einer Bewertung von mind. 1 Milliarde US-Dollar. Der Kauf von PCs ist steuerlich begünstigt, plus das Land hat von Beginn an massiv in seine digitale Infrastruktur investiert. Industrie 4.0 ist in Schweden keine Vision, sondern in der Mache. Man hat die Zeichen früh erkannt, und sofort aufs richtige Pferdchen gesetzt.

Fortschritt bedeutet aber nicht immer gleich einen Schritt nach vorne. Wer ohne Kreditkarte nach Schweden reist, wird sich nach diesem kleinen Stück Plastik sehnen. Bezahlt wird oft mit Karte, sehr oft sogar wird kein Bargeld akzeptiert. Kein Land für Verschwörungstheoretiker, denn Pipi Langstrumpf bevorzugt VISA oder Mastercard. Bullerbü, schön verpackt, aber der digitale Fußabdruck bleibt in Schweden omnipräsent, ob man das will, oder nicht.

Im kuscheligen Flughafen von Lulea ist alles eins. Ankunfts-, Abflug-, Mietwagenhalle. Typisch skandinavisch, alles offen, alles modern – trotz tiefster Provinz. Das Städtchen vom Bottnischen Meerbusen ist eher ernüchternd. Im langen Winter stellt die Stadt kostenlos Eis-Schlitten zur Verfügung, dazu eine gespurte Bahn auf gefrorener See, die Luft kalt und klar. So stellt man sich den schwedischen Winter vor. Da sind die Renntier-Kalorien schnell wieder verbrannt.

Lulea Hafenpromenade

Bekanntheit hat Lulea dank Ken Block erlangt.  Gymkhana Drift King, der hier seine PS-Potenz übers Eis geprügelt hat. Einmal viel Lärm, danach wieder Dornröschenschlaf. Das passt zum Gesamteindruck von Schweden. Modern, offen und sehr weltgewandt wirkt es oft bräsig und behäbig, ist es aber nicht. Schweden ist in der Zukunft schon lange angekommen, das Wasa-Land Image ist nur der Hebel der Tourismus Branche.

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